Samstag, 11. Juli 2015

[Rezension] Noch so eine Tatsache über die Welt


Noch so eine Tatsache über die Welt

Brooke Davis

280 Seiten

Antje Kunstmann Verlag

19.95 €

Millie Bird ist sieben, als sie ihr erstes totes Ding findet, Rambo, ihren Hund. Von da an führt sie Buch über alles, was auf der Welt verloren geht: die Stubenfliege. Die Großmutter. Der Weihnachtsbaum. Darauf, dass sie auch ihren Dad in ihr Buch der Toten Dinge eintragen muss, war sie überhaupt nicht vorbereitet, und auch nicht darauf, dass ihre Mom sie im Kaufhaus stehen lässt und nicht wiederkommt. Karl ist siebenundachtzig, als sein Sohn ihn ins Altersheim bringt. 

Hier wird er nicht bleiben, denkt Karl, als er seinem Sohn nachschaut, und kurz darauf haut er ab. Erst mal ins Kaufhaus, bis sich was Besseres findet. Dort trifft er Millie. Agatha ist zweiundachtzig und geht nicht mehr aus dem Haus, seit ihr Mann gestorben ist. Halb versteckt hinter Gardine und Efeu, sitzt sie am Küchenfenster und beschimpft die Passanten. Bis das kleine Mädchen von gegenüber zurückkommt, allein Von Verlust und Trauer erzählt Brooke Davis in diesem berührenden Roman und zugleich von einem Abenteuer voll furiosem Witz: Wie drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufbrechen, um Millies Mutter zu suchen, und dabei zurück ins Leben und die Liebe finden.

Meine Meinung:

Brooke Davis hat mit diesem Roman eine federleichte und zarte Geschichte geschrieben über ein Thema, was man sonst eher selten in Büchern vorfindet. Es geht um den Tod, auf welche Art und Weise jeder Mensch anders damit umgeht und was er mit den Hinterbliebenen anstellt. Ein melancholisches Buch, das auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient und das man am besten ganz langsam und Seite für Seite lesen, ja fast schon genießen sollte.

Um was geht es? Millie ist sieben und hat es sich zur Aufgabe gemacht, all die toten Dinge in ihr Notizbuch zu schreiben, die ihr begegnen. Und schon sehr bald muss die kleine Millie Bird auch ihren Dad dort eintragen; ihre Mutter kommt mit dem Verlust ihres Mannes nicht zurecht und lässt Millie eines Tages im Kaufhaus alleine zurück und kommt nie wieder.

Da hätten wir auch noch Karl den Tastentipper, welcher freiwillig ins Altersheim gegangen ist, um seinem Sohn nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Karl hat ebenfalls einen geliebten Menschen verloren, seine Frau Evie und nun bereut er all die kleinen und großen Dinge, die er nie getan hat. Kurzerhand türmt er aus dem Altersheim und eine abenteuerliche Reise beginnt.

Und zu guter letzt wäre da noch Agatha Pantha. Sie hat ihren Mann Ron vor sieben Jahren sterben sehen und hat sich seitdem in ihrem Haus verschanzt. Nichts und niemand kann sie dort rausholen und mit jedem verstreichendem Jahr verbittert Agatha immer mehr. Doch dann trifft sie auf Millie und muss einsehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Wie diese drei zusammenfinden und zusammenpassen und was für Abenteuer sie gemeinsam erleben - tja, das müsst ihr selbst lesen. Ich gebe euch nur einen kleinen Einblick in Millies Universum und das ist auf jeden Fall mehr als nur einen Blick wert!

Das Leben war nicht mehr als ein Wimpernschlag, ein Atemzug und eine Pinkelpause gewesen, und jetzt saß er hier auf diesem Bett, in einem Zimmer mit lauter alten Männern, die ihre eigene Scheiße nicht bei sich behalten konnten. 

Wir erleben drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch haben sie alle eine Sache gemeinsam: Sie haben einen Menschen verloren an den Tod. Brooke Davis zeigt uns auf, wie jeder von ihnen anders damit umgeht, wie vielschichtig der Verlust und die Einsamkeit danach sein kann. An manchen Stellen haut sie einem die unschöne Wahrheit um die Ohren und auch Millie hat sie tief in sich verinnerlicht: "Wir werden alle irgendwann sterben. Alles ist gut!" 

Und an anderen Stellen zeigt sie die leise, innerliche Verzweiflung der Hinterbliebenen auf. Wie ein Schmetterlingsflügel umschweben einen ihre Worte und legen sich wie eine warme Decke um die schreckensbleichen Glieder des Lesers. Schöner könnte solch eine Thema nicht verpackt sein.

Millie ist ein außergewöhnliches kleines Mädchen. Anstatt an dem Verlust ihres Vaters zu zerbrechen wie ihre Mutter, versucht sie dem ganzen Aufruhr rund um den Tod auf die Schliche zu kommen. Egal wo sie hingeht, sie erkundigt sich bei jedem der ihr begegnet, wie er sich seine Beerdigung vorstellt, wo tote Menschen hinkommen und ob er schon mal ein totes Ding gesehen hat. Und eines fällt auf: Kinder gehen mit dieser Frage ganz anders um als Erwachsene.

Sie fühlen sich nicht gekränkt, nicht ertappt oder ängstlich nach diesen Fragen, nein sie überlegen und antworten ganz sachlich. Ist es nicht überall so? Sollten wir unsere Scheu vor dieser Thematik nicht ein wenig ablegen und denken: "Okay, wir werden alle irgendwann sterben, aber was wollen wir zuvor erreicht haben?" 

Diese Frage stellt sich Karl auf ihrer Reise und muss feststellen, dass er viele Gelegenheiten mit Evie verpasst hat. Er war nie spontan, hat nie etwas verbotenes oder aufregendes getan und bereut es jetzt ungemein. Kaum ist diese Erkenntnis in ihm aufgegangen ( und Millie hat da auch ihren Teil zu beigetragen ) wächst Karl über sich hinaus und lässt seine Einsamkeit hinter sich, auch wenn sie in stillen Momenten wieder hervorbricht.


Karl seufzt. "Was soll ich denn sagen?" "Was wünscht du dir denn, was auf deiner Beerdigung gesagt werde soll?" Karl starrt auf seine Füße. "Ich glaube kaum, dass da jemand etwas sagen wird." 

Tja, sagt Millie und verschränkt die Arme. "Jedenfalls musst du etwas sagen." "Wieso kennst du dich mit diesen Dingen so gut aus?"

"Wieso du nicht?" sagt sie

Agatha ist da noch ein anderer Fall. Sie will keine Hilfe von ihren Nachbarn annehmen nach Rons Tod, verschanzt sich in ihrem Haus und entwickelt eine feste Routine, die sie nicht durchbrechen kann. Agatha wird eine grantige, alte Schachtel und sie selbst kann nichts dagegen tun. Ihre Trauer wandelt sich in Wut um, sie verflucht alles und jeden ... bis Millie in ihr Leben tritt, sie zwingt aus dem Haus zu gehen und wenigstens ein wenig aus ihrem Schutzwall herauszukommen. 


21.23 - gestattet sich Agatha Pantha, einsam zu sein.

Ein atemberaubendes Buch, welches mich oft sprachlos zurückließ. Es gäbe noch so viel darüber zu schreiben, zu sagen und in die Welt hinauszutragen. Ich war in einer Gefühlsachterbahn gefangen, habe viel über mein eigenes Leben nachgedacht und darüber, dass wir alle ein wenig mehr wie Millie sein sollten.

Mein Fazit:

Ein Roman, der nicht jedem gefallen wird, denn er hält uns den Spiegel vor und kratzt an unserer empfindlichsten Stelle. Gleichzeitig ist er aber nicht allzu bedrückend, er lebt von seinen leisen Momenten und seiner Eindringlichkeit. Taucht ein in diese Seiten, nehmt euch die Zeit und liest oft die Stellen mehrmals, denn es hat uns viel zu erzählen. Ich vergebe

5 ( von 5 möglichen ) Buchpunkte

1 Kommentar:

  1. Das Buch klingt total ansprechend und die Geschichte wunderschön. Ich glaube, ich muss es unbedingt lesen.

    Liebe Grüße,
    Katja :)

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