Sonntag, 12. Juli 2015

[Rezension] Wo steckst du, Bernadette

Wo steckst du, Bernadette

Maria Semple

384 Seiten

btb Verlag

9,99 €

Bernadette Fox ist chaotisch, überfordert – und ungeheuer liebenswert. Ihr Ehemann Elgie, der neue Hoffnungsträger bei Microsoft, mag ihren Witz. Und ihre verrückten Ideen. Irgendwie auch ihre Unsicherheit, wenn sie mal wieder von quälenden Ängsten heimgesucht wird. Die anderen Mütter, allesamt perfekt organisiert, halten Bernadette allerdings für eine Nervensäge. Verantwortungslos. 

Schließlich beschäftigt sie online eine indische Assistentin, die den Alltag für sie regelt. Zum Stundensatz von 0,75 Dollar reserviert Manjula den Tisch im Restaurant, erledigt mal eben die Bankgeschäfte und bucht den Familienurlaub in die Antarktis. Und für ihre 15jährige Tochter Bee, die kleine Streberin, ist Bernadette, na ja, eine Mutter. Bee kennt ja keine andere. Doch irgendwann beschließt Bernadette auszubrechen. Ihr wird das alles zu viel. Und auf einmal ist sie verschwunden …

Meine Meinung:

Aus irgendeinem fehlgeleiteten Grund hatte ich angenommen, es ginge in diesem Buch um das Thema Demenz - dem ist aber nicht so und trotzdem hatte ich meinen Spaß an der Geschichte. Trotzdem? Ja, kennt ihr das nicht? Ihr nehmt an, in einem Roman ginge es um das und das Thema, ihr fangt an zu lesen und es ist etwas komplett anderes. 

Mich kann sowas richtig aus der Geschichte reißen und mir das Buch madig machen; doch Maria Semple konnte mich mit Bernadette so sehr unterhalten, dass ich meinen fehlgeleiteten Gedanken keine Beachtung mehr geschenkt habe.

Ich applaudierte ihr innerlich. Es ist nämlich so: Egal was die Leute jetzt über Mom sagen, sie verstand es, das Leben lustig zu machen.

Um was geht es? Bernadette lebt mit ihrer Tochter Bee und ihrem Mann Elgie in Seattle. Ihr Mann arbeitet bei Microsoft, Bee wird aufgrund ihrer Herzschwäche mit Samthandschuhen angefasst und Bernadette ... ja Bernadette ist eine angesehene, etwas schrullige Architektin, die sich nach einem herben Schicksalsschlag völlig von allem zurückgezogen hat.

Deswegen ist es für Bernadett-Maßstäbe auch nicht verwunderlich, dass sie ihr komplettes Leben ihrer indischen Assistentin überlässt und via Internet diese mit Hotelbuchungen, Tischreservierung etc. beauftragt. Und da gibt es dann auch noch die Gnitzen von Bees Schule; die perfekten Übermütter, die sie so gar nicht leiden kann und die ihr oft das Leben zur Hölle machen.

Um Bees größten Traum wahr werden zu lassen, organisiert Bernadette eines Tages kurzerhand ( bzw. Manjula ) eine Reise in die Antarktis. Doch es kommt anders als alle denken und auf einmal ist Bernadette verschwunden ...

Gleich wenn man das Buch aufschlägt merkt man, dass dieser Roman nicht den normalen Maßstäben folgt, denn die komplette Geschichte setzt sich aus Dokumenten, Briefen und Nachrichten zusammen. So erlebt man den Werdegang der Familie aus den verschiedensten Sichtweisen, was ihn für mich zu etwas sehr unterhaltsamen und gleichzeitig sehr besonderen gemacht hat. 

Von: Ollie-O
An: Eltern-Brunch-Komitee
Krise. Riesiges Schild prangt über Audreys Haus. Über Nacht aufgestellt von verrückter Nachbarin. Audrey hysterisch. Ehemann ruft Staatsanwaltschaft an. Für Unvorhergesehenes bin ich nicht zuständig. 

Da wäre zum Beispiel Audrey Griffin, die perfekte Übermutter von nebenan. Sie versteht es wie keine andere, Bernadetts Leben mit einer einzigen Bemerkung ins Chaos zu stürzen und hat an allem und jedem etwas auszusetzen. Von ihr erfahren wir alles über einen Email-Austausch zwischen ihr und ihrer besten Freundin Soo-Lin Lee-Segal. 

Dann hätten wir da noch Manjula, die indische Assistentin von Bernadette, die mit einer inneren Ruhe deren Leben managt, organisiert und so ziemlich alles tut, was ihr aufgetragen wird. Diese Beziehung sorgt im Laufe des Buches noch für einigen Aufruhr, was mich ehrlich gesagt ein wenig genervt hat zum Schluss, weil es ZU viel war in meinen Augen, aber wenn ihr Details wissen wollt .... tja, dann müsst ihr wohl alles selbst lesen.

Und dann mischen natürlich noch ihr Mann Elgie, die Schuldirektorin Ms. Goodyear und einige andere in der Geschichte fleißig mit, doch Haupterzählerin ist dennoch Bree, die auf ihre ganz eigene Weise die Geschichte kommentiert und mir oft die Tränen vor lauter Lachen in die Augen getrieben hat.
 

Ich schob Mom weg und schlug Audrey voll ins nasse Gesicht. Ich weiß! Aber ich war so wütend. "Ich bete für dich", sagte Audrey. "Beten Sie für sich selbst", sagte ich. "Meine Mutter ist zu gut für sie und diese anderen Mütter. Sie sind die, die keiner leiden kann. Kyle ist ein Nachwuchskrimineller, der weder Sport macht noch sonst irgendwelche freiwilligen Aktivitäten. Die einzigen Freunde, die er hat finden ihn gut, weil er ihnen Drogen verschafft und weil er witzig ist, wenn er sich über sie lustig macht. [...]!" 


Gerade diese vielen Sichtweisen haben zur Vielschichtigkeit dieses Romans beigetragen, denn er kommt einem  nicht wie 384 Seiten vor, sondern viel viel viel länger. Was an sich nicht schlecht ist, denn wir erfahren sehr viele Details aus dem Leben von Bernadette, Bee und Elgie, die einem mit der Zeit wie richtig echte Menschen von nebenan vorkommen.

Wir erfahren wie die beiden sich kennengelernt haben, wie aus Bernadette diese schrullige und zurückgezogene Persönlichkeit wurde, warum Bee in manchen Situationen mit Samthandschuhen angelangt wird und warum sie in einer ziemlich heruntergekommenen alten Mädchen-Erziehungsanstalt leben, obwohl sie fast schon in ihrem Geld schwimmen und sich eindeutig etwas anderes leisten könnten.

Doch die klare Hauptperson, die den roten Faden fest in der Hand hält während der gesamten Geschichte, ist Bernadette. Anfangs wirkte sie auf mich nicht gerade sympathisch bzw. manche ihrer Launen habe ich nicht gleich verstanden. Wenn man aber der Geschichte aufmerksam folgt und sich völlig darauf einlässt, lernt man sie UND ihre Macken lieben. 


"Euch ist langweilig. Und ich will euch jetzt etwas über das Leben verraten. Ihr findet es jetzt schon langweilig? Ich sage euch, es wird nur noch langweiliger. Je früher ihr lernt, dass es an euch ist, das Leben interessant zu machen, desto besser für euch." Es war das erste und letzte Mal, dass Bee sagte, ihr sei langweilig.

Denn eigentlich führt Bernadette "nur" ihren eigenen kleinen Krieg gegen die Vorgaben der Gesellschaft, gegen die Gnitzen und vor allem gegen sich selbst, denn so richtig glücklich mit ihrem Leben ist sie seit einiger Zeit auch nicht mehr. 

Sie kann stundenlange Tiraden über Fünffachkreuzungen halten und schreckt damit so ziemlich jeden ab - doch hat man einmal hinter ihre Fassade geblickt, versteht man sie völlig und steht zu 100% hinter ihr, egal was kommen mag.

Ab Mitte des Buches geht es dann drunter und drüber. Audrey muss einsehen, dass auch perfekte Mütter nicht immer die Kontrolle haben können. Bee muss einsehen, dass sie nicht immer die perfekte Tochter sein kann und Elgie ... ja Elgie tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste. 

Was die russische Mafia und eine verschwundenen Bernadette, die eigentlich in eine psychiatrische Anstalt verfrachtet werden soll, damit noch zu tun haben? Verraten werde ich es nicht, nur soviel: Es geht noch richtig rund, unterschätzt dieses Buch auf keinen Fall!!

Mein Fazit:

Ich könnte noch viel mehr über diese Geschichte schreiben, könnte euch die großen und kleinen Lacher meinerseits aufzeigen und euch an dieser brillant ausgedachten Erzählung teilhaben lassen, doch irgendwann muss auch gut sein und ihr überzeugt, diesen Roman sofort haben zu müssen. 

Seid ihrs?! Dann ab in die nächste Buchhandlung ( JEDER einzelne von euch!! ) und los geht die Reise mit dem Bernadette-Express; bitte anschnallen, Turbulenzen sind vorherzusehen. Ich vergebe

4 1/2 ( von 5 möglichen ) Buchpunkte

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