Sonntag, 16. April 2017

[Rezension] Ellbogen - Fatma Aydemir


Ellbogen

Fatma Aydemir

272 Seiten

Hanser Verlag

20,00 €

Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. 

Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.

Meine Meinung:

"Ellbogen" hat mich mit einem seltsamen Gefühl der inneren Zerrissenheit zurückgelassen. Wie ein schaler Geschmack klebt mir die Geschichte am Gaumen fest, will mich nicht so recht loslassen und doch will ich ihn am liebsten herunterspülen und vergessen - ein reines Gefühlswirrwarr.

Die Autorin schafft es mit einer recht rotzig-frechen Sprache ihrer Protagonistin Hazal eine Stimme zu geben, welche auch jetzt noch in mir nachhallt. Hazal lebt in Berlin mit ihren Eltern, welche damals aus der Türkei einwanderten. Beide Elternteile fühlen sich auch nach etlichen Jahren noch fremd in Deutschland und kompensieren dies auf unterschiedliche Art und Weise.

Hazal ist mit ihren 17 Jahren völlig verunsichert, steht zwischen den Stühlen und muss den Spagat zwischen der elterlichen Kultur/Religion schaffen und ihren eigenen Vorstellungen vom Leben an sich. An vielen Stellen hat mich der Mut verlassen an Hazal zu glauben, denn sie trägt eine unglaubliche Wut in sich, welche sich während der Geschichte klar und deutlich zeigt.

Und gerade diese Wut hat mich so traurig gestimmt. Es ist eine hilflose Wut, eine Wut auf die Gesellschaft an sich und wie diese Hazal als Deutsch-Türkin sieht, wahrnimmt und behandelt. Dabei nimmt oft auch ihre eigene Wahrnehmung von gewissen Situationen Höhenflüge an, was sie schlussendlich in ein riesengroßes Dilemma hineinkatapultiert.

Fatma Aydemir hat mich in einen regelrechten Gewissenskonflikt gebracht: Auf der einen Seite mochte ich Hazal bis zum Schluss nicht so richtig, ich konnte sie häufig einfach nicht verstehen und ihre Reaktionen nachvollziehen. Auf der anderen Seite wollte ich sie beschützen, in den Arm nehmen und sagen dass alles gut werden wird - um daraufhin zu erröten und zu merken, dass es eben doch nicht so einfach ist.

Für Hazal ist Deutschland ein Land ohne Hoffnung - sie arbeitet in der Bäckerei einer Verwandten, hat die Schule hin geschmissen und weiß nichts mit sich und ihrem Leben anzufangen. Ihre Freunde sind ihr dabei keine große Stütze, fühlen sich selbst nicht richtig wohl in der eigenen Haut und gehen dadurch äußerst aggressiv mit jeglicher Provokation um, ob gerechtfertigt oder nicht.

Während der kompletten Geschichte habe ich mich immer wieder gefragt, ob alles anders verlaufen wäre, hätten nicht alle Beteiligten in jeglicher Hinsicht versagt. Die einzige Person, zu der Hazal auch ein recht freundschaftliches Verhältnis hat, ist ihre Tante Semra. Diese versucht ihr stets den richtigen Weg zu weisen, doch auch sie schafft es bis zum Schluss nicht, Hazal ein kleines Fünkchen Hoffnung mitzugeben, denn ich glaube mehr hätte es gar nicht bedarft.

Und auch als Hazal endlich in IHREM Land, in Istanbul ankommt, muss sie feststellen, dass auch dort nicht alles so ist, wie sie es sich erträumt hatte. Ab diesem Zeitpunkt habe ich richtig gemerkt, wie ihr Mut nach und nach zerbröckelte. Wie sehr hatte Hazal sich einen Wendepunkt dort gewünscht, wie sehr wollte sie die Menschen und die Kultur dort annehmen um endlich angekommen zu sein, nur um zu merken, dass sie sich auch dort nicht heimisch fühlt.

Zerrissen zwischen zwei Welten, die sie beide nicht haben wollen. Deutschland und Istanbul - wo ist ihr Zuhause und gibt es sowas für Hazal überhaupt? Oder wird sie für immer in ein "Dazwischen" gehören, muss sie sich stets aufteilen zwischen diesen beiden Kulturen?

Mein Fazit:

Ein Debüt, welches noch lange in mir nachklingen wird. Nach Beenden des Buches habe ich eine regelrechte Unruhe innerlich gespürt, fühlte mich ruhelos und entmutigt. Ich hatte das Gefühl, die Geschichte nicht komplett begreifen zu können, weil ich diese Zerrissenheit zwischen den Kulturen/Religionen nie verstehen und nachempfinden werden kann.

Aber das ist in Ordnung so - ich habe hier so viel dazugelernt, habe eine Sichtweise regelrecht aufgedrückt und ungeschönt aufgezeigt bekommen und dadurch ein klein wenig mehr verstanden als zuvor. Nicht viel mehr, aber meine Sicht auf die Dinge hat sich um einige Grad verschoben und ich denke, genau das wollte die Autorin.

Fatma Aydemir will mit diesem Roman nicht missionieren, nicht mit erhobenem Zeigefinger da stehen und dem Leser ihre eigene Meinung aufdrücken - nein, sie zeigt einem die raue, ungeschminkte Realität und überlässt es einem selbst, was man für sich aus dieser Geschichte mitnehmen möchte.

Ich vergebe hierfür 4 ( von 5 möglichen ) Buchpunkte!


Wer nun neugierig auf "Ellbogen" geworden ist, sich aber noch nicht sicher ist ob ihm diese Geschichte gefallen wird, kann sich die Rezension der liebe Kerstin von Kejas-Blogbuch ebenfalls durchlesen - sie ist sehr lesenswert! *KLICK*

Kommentare:

  1. Wow, wir sind uns so gleich beim empfinden dieser Geschichte :-)
    Ich stimme Dir so sehr zu.
    Superschöne Rezension und lieben Dank für das verlinken.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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  2. Hallo und guten Tag,

    hey finde ich gut, dass Du mit einer, zweiten Meinung zu dieser Roman arbeitest.

    Schöne Osterzeit noch...LG...Karin...

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