Montag, 19. August 2019

[Rezension] Und dein Leben, dein Leben - Magret Kindermann



*Rezension*

Und dein Leben, dein Leben von Magret Kindermann

Umfang: 112 Seiten | Genre: Novelle

Verlag: Twentysix | Preis: 9,99 € 



»Du bist Schriftstellerin. Dann orchestriere meinen Mord doch fiktiv. Wie würdest du es machen, mh?«
Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück.
»Es ist ganz leicht«, sagte er. »Man muss nur wissen, wie. Schau.« Er nahm ihre Hand und legte sie sanft auf seine pochende Halsschlagader. Er schwitzte leicht. Mit sanftem Druck führte er sie zu seinem Herzen.

Ein philosophischer Thriller für jeden Mutigen, der sich traut, Angst vor sich selbst zu haben.

Meine Meinung:

Und dein Leben, dein Leben war meine erste Geschichte von Magret Kindermann und so ganz anders, wie ich sie erwartet hatte. Auf 107 Seiten entfaltet sich eine Handlung, die sich wie ein Fiebertraum liest: Atmosphärisch, Heiß und Kalt zugleich und wie ein Wirbelsturm, der beim Lesen durch meinen Kopf und all meine Gedanken durcheinander wirbelte.

Doch von Anfang an - auch wenn ich acht geben muss, was genau ich euch hier verrate, denn ich möchte niemanden die Spannung nehmen. Wir begegnen hier Carmen, einer Schriftstellerin, welche mit ihrem Hund Dexter in einem alten Bootshaus lebt. Umgeben von einem Wald, den See direkt vor ihrer Nase und der Leidenschaft für ihre Bücher, lebt Carmen ein recht normales, wenn auch zurückgezogenes Leben.
"Es zieht mich in seinen Bann, weshalb Menschen so böse sind, wie sie sind. Du siehst das nicht. Du lebst auf der Oberfläche, in der Fassade. Doch so ist das Leben nicht, es ist hässlich und wenn du es einmal erlebt hast, erträgst du die Fassade nicht mehr."
Zumindest hat es den Anschein, doch nach und nach streut die Autorin kleine Arabesken mit in die Geschichte hinein und langsam legt sich ein Hauch von Unwohlsein über den Leser, welchen man auch nach dem Zuklappen des Buches noch zu verspüren scheint.

Carmen als Protagonistin entfaltet sich zusammen mit dem Lauf der Handlung. Zuerst hat man ein
ganz unscheinbares Bild von ihr, was sich wie ein Mosaikbild immer mehr vervollständigt und einen Charakter zu Tage bringt, der unzählige Facetten, schrullige Angewohnheiten und eine ganz eigene Art zu leben hat.

So hat sie z.B. einen Brieffreund namens Otto, welcher in einem amerikanischen Gefängnis sitzt und auf sein Todesurteil wartet oder viel mehr, dessen Vollstreckung. Oder auch die Wahl ihres Zuhauses, des Bootshauses. In dessen Nähe fand sie auf einer Lichtung eine Leiche, ein Fund, welcher sie faszinierte und inspirierte und in ihr die Entscheidung hervorbrachte, das dort gelegene Bootshaus kaufen zu wollen.
Denn der Ort befriedigte ihren Durst nach Horror. Überall sah sie imaginäre Leichen, im Unterholz, am Ufer im seichten Wasser oder auf dem tiefen Grund des Sees, wenn sie mit dem Boot darüberfuhr.

Und gleichzeitig steckt hinter all diesen Marotten eine sehr feinfühlige, starke und doch zerbrechliche Carmen. Ein Erlebnis in ihrer Kindheit bzw. Jugend (was ich nicht explizit nennen möchte, um nicht zu spoilern) hat sie sehr geprägt, bestimmt viele ihrer Handlungen und Gedankengänge und macht sie umso mehr zu einem Charakter mit unendlich vielen Facetten.

Fast möchte ich behaupten, dass Carmen sehr viel wichtiger ist als die Handlung um sie herum, denn diese ist ab einem gewissen Zeitpunkt vorhersehbar und dennoch spannend zu lesen. Ein Ereignis zwingt sie tiefer in ihre eigenen Abgründe hinab zu steigen, allerdings hatte ich keinen Moment den Eindruck, Carmen würde dadurch ihre innere Stärke verlieren. Nein, sie zeigt dem Bösen die Stirn und verliert sich selbst ein wenig in ihrer eigenen Dunkelheit.

Sie ist diesem Eindringling mit aller Macht gewachsen und so entspinnt sich eine Nacht voller psychologischer Betrachtungen, welche eine kleine, aber bedeutende Wendung in ihrem Leben, in ihrem Denken auslöst. Ab diesem Zeitpunkt weiß man, wohin die Autorin den Leser entführen möchte, die Geschichte und deren Ende wird greifbar.
"Also: wenn es auf der Welt normal wäre, seinen Trieben nachzugehen. Wie im Mittelalter, aber noch extremer. Keine Richter, keine Gefängnisse, keine Strafen. Zugegeben, es wäre eine Welt der Männer, Vergewaltigungen wären gang und gäbe, aber das interessiert mich nicht. 
Morde wären auch normal. [ ...] Ich frage mich, ob ich tatsächlich noch morden würde, wenn es alltäglich wäre. Und vor allem erlaubt! Der Reiz liegt für mich auch im Tabubruch."
Mich packte zum Schluss das Gefühl, keine 112 Seiten inhaliert zu haben, sondern den Charakteren viel länger und intensiver gefolgt zu sein. Wir erleben mit Carmen ein offenes Ende, was für mich aber weniger offen gewesen zu sein scheint, als für andere Leser. Erst kürzlich entspann sich auf Twitter eine kleine Diskussion darüber und ich für meinen Teil kann sagen, dass ich nach dem Umblättern der letzten Seite nicht ansatzweise dachte, mir würde etwas fehlen oder ich hätte gerne
mehr erfahren.

Kleiner Fakt am Rande: Magret Kindermann hat zu "Und dein Leben, dein Leben" eine eigene Playlist verfasst, welche die Stimmung ziemlich deutlich wiedergibt und für mich eine gute Ergänzung zur Lektüre lieferte.

Mein Fazit:

Eine außergewöhnliche Geschichte, in welcher man die dichte Atmosphäre mit den Händen greifen kann und die einem eine hauchzarte Gänsehaut über die Arme schickt. Carmen ist ein höchst interessanter Charakter mit vielen Gesichtern und einer zerbrechlich starken Seele. Psychologisch, tiefgehend und viel mehr, als seine 112 Seiten vermuten lassen.

~*5 von 5 Sterne*~

Triggerwarnung:
Die Geschichte thematisiert Mord, sexuellen Missbrauch, Selbstmord und Gewalt im Elternhaus.


Weitere Leseeindrücke findet ihr bei:

Monerl hat eine aussagekräftige Kurzrezension verfasst, welche ihr *HIER* nachlesen könnt.

Gabi von Laberladen sagt über die Novelle "Und dein Leben, dein Leben" ist eine sehr ungewöhnliche Novelle auf genau die Art und Weise, die ich liebe und schätze und sehr gerne lese." - ihre Rezension findet ihr *klick* dort.

Mademoiselle Facettenreich hat ebenfalls eine kurze, knackige und begeisterte Lesermeinung *dort* geschrieben.

Janna von Kejas-Blogbuch.de hat eine Rezension geschrieben, bei der ich jeden Satz so abnicken kann - 5 Sterne hat sie *HIER* vergeben.

Conny von Pinkanemone sagt über die Novelle "Diese Novelle hat eine fesselnde Story, tiefsinnige Charaktere fern von 08/15, eine beklemmende Atmosphäre und philosophische Wortgewalt, welche einen zum Nachdenken anregt." - mit einem Klick *dort* findet ihr Connys komplette Meinung.

Bluesiren vergibt ebenfalls 5 Seesterne und hat eine Lesermeinung verfasst, die unter die Haut geht. *Klick*

Elizzy von readbooksandfallinlove reiht sich in die Empfehlungsarie mit ein - 5 Sterne hat sie *HIER* verliehen.

Kommentare:

  1. Guten Morgen! :)
    Diese Novelle begegnet mir wirklich häufig in letzter Zeit und immer sehr positiv. Ich glaube, irgendwann werde ich auch mal zugreifen müssen, so viele gute Stimmen können sich doch eigentlich nicht irren :)

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    PS: Die Sache mit dem offenen Ende hat ich erst gestern beim beenden eines anderen Buches, inkl. Diskussion, wie offen das Ende denn nun wirklich ist. Da ists immer sehr interessant, wie unterschiedlich die Auffassungen sind!

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    1. Hallo Gabriela,

      ja das ist so eine Sache mit den offenen Enden - ich mag das bei Dystopien z.B. eher weniger, da habe ich lieber ein abgeschlossenes Setting und im besten Fall sind dadurch auch alle Fragen beantwortet worden. Bei Novellen oder Romanen stört es mich kaum ... schon komisch, oder?

      Das Buch lohnt sich sehr und liest sich ob des geringen Umfanges auch rasch - bin gespannt ob es bei dir einziehen wird und wie es dir gefällt, solltest du es lesen wollen.

      Liebste Grüße,
      Antonie

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  2. Liebe Antonie,
    hätte ich das Buch nicht schon gelesen, würde ich jetzt, nach deiner Rezi hier, sofort das Buch kaufen und lesen! Sehr schön entfachst du die Neugierde auf das Buch und kombinierst dazu deine Eindrücke! Klasse! Danke auch für die Verlinkung! :-*
    GlG, monerl

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    1. Hallo Monerl,

      da werde ich ja direkt rot bei so einem schönen Kompliment! Ich glaube, ich habe noch nie so viele Blogger verlinkt wie bei dieser Rezension, also keine Ursache ;-)

      Liebste Grüße, Antonie

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